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#1
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| In einem Vorlesungsskript stand mal etwas darüber, dass die Zeit in der Quantentheorie keine Observable sein kann. Mir ist das nicht ganz klar, warum die Zeit eine so spezielle Bedeutung hat. Der Ort ist beispielsweise äquivalent zum Impuls, in der Hinsicht dass sich alle Vorgänge auch im Impulsraum formulieren lassen. Und natürlich gibt es Operatoren mit Ort bzw Impuls als Eigenwerte. Liegt die Besonderheit darin, dass die Zeit explizit und in allen Darstellungen in der Schrödingergleichung vorkommt? |
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#2
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| Alexander Streltsov schrieb: Im Schr"odingerbild ist der Zustand f"ur fixe Zeiten definiert, und damit die Zeit ausgezeichnet. Hier ist Zeitmessung schwierig zu diskutieren, da die Zeit, zu der ein Zustand betrachtet wird, immer scharf ist. Im Heisenbergbild kommt die Zeit als Parameter in den Observablen vor, und ist damit auch ausgezeichnet, aber auf andere Weise. Parameter sind de facto einfach kontinuierliche Indices und keine Observablen. So wie 3 keine Observable ist, p_3 aber schon, so ist t keine Observable, H(t) aber schon. Observablen haben zu _jedem_ Zeitpunkt einen mittleren Wert; der Zeitpunkt (''jetzt'') ist nicht als Observable modelliert. Was man aber modellieren kann, ist dagegen eine Uhr, d.h. eine Observable, die sich auf vorhersagbare Weise mit der Zeit "andert. Hat man ein System, in dem eine Observable u(t) das Verhalten ubar(t) := <u(t)> = u_0 + v (t - t_0) (v nicht 0) (*) mit gen"ugender Genauigkeit erf"ullt, so hat man eine Uhr, und kann anhand von <u(t)> feststellen, wieviel Zeit T = Delta t zwischen zwei beobachteten Datens"atzen vergangen ist. Das ist die normale Art, wie wir auch klassisch Zeit messen. Dazu muss nat"urlich T gegen"uber der intrinsischen Unsch"arfe Sigma_T := |v^{-1}| sigma(u(t)) von T gross genug sein. Dabei ist sigma(u(t)) = sqrt(<(u(t)-ubar(t))^2>) die Standardabweichung von u(t) im ordnungsgem"assen (quantenmechanischen) Zustand <.>. Ist (*) signifikant fehlerbehaftet, so ist Sigma_T nat"urlich entsprechend gr"osser. In der relativistischen Quantenfeldtheorie (die fast immer im Heisenbergbild formuliert wird) wird aus der 1-dimensionalen Zeit t die 4-dimensionale Raumzeit x. Auch x tritt als Parameter der Observablen (Felder) auf, und ist daher keine Observable. Ort und Zeit sind zwar jetzt gleichberechtigt, aber beide als Nichtobservable. Die Observablen sind Felder; Orte und Zeiten werden durch unscharfe 1-dimensionale Weltlinien mit hoher <Felddichte> modelliert. (Man denke an die Spur eines Teilchens in der Blasenkammer.) Jetz braucht man zur Orts- und Zeitmessung ein 4-Vektorfeld u(t) mit <u(t)> = u_0 + V (x - x_0) mit einer regul"aren 4x4-Matrix V, und die intrinsische Unsch"arfe nimmt die Form Sigma_T := sigma(V^{-1}u(t)) an, wobei sigma(a(t)) = sqrt(<(a(t)-abar(t))^*(a(t)-abar(t))>), abar(t)=<a(t)> ist. Fazit: In der nichtrelativistischen Quantenmechanik wird Zeit immer indirekt "uber Observablen von Uhren in kalibirierten Zust"anden gemessen. In der relativistischen Quantenfeldtheorie gilt dasselbe f"ur Position und Zeit. Das funktioniert allerdings nur, wenn man einzelnen Uhren einen wohldefinierten Zustand zuordnet, also eine Version der Kopenhagen-Interpretation zugrundelegt. In der minimalen statistischen Interpretation braucht man ein ganzes Ensemble von identisch pr"aparierten Uhren, um Zeit messen zu k"onnen... Arnold Neumaier |
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#3
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| Alexander Streltsov wrote: Geht auf die Beobachtung zurück, dass die "Observable" t kontinuierliches reelles Spektrum hat, ihre formal konjugierte Variable i d/dt mit der Energie identifiziert werden müßte, die aber positives reelles Spektrum hat. Demnach ist t nicht als Funktion von x und p über einem Hilbertraum L^2(R^2,d^3x) oder L^2(R^3,d^3p ) oder ähnlichem zu fester Zeit darstellbar. Natürlich lassen sich Zeitdifferenzen indirekt messen, das sind dann aber Korrelationsmessungen für Observable oder Zustände zu zwei verschiedenen Zeiten, z.B. Übergangswahrscheinlichkeiten unter Einfluß von Störungen im Zeitverlauf. Sie kommt eben nur als Parameter vor. Das ist in der klassischen Mechanik genau so: Die Zustände sind Wahrscheinlichkeitsdichten auf dem Phasenraum, die Zeitentwicklung eine kanonische Abbildung der Anfangswerte auf die Zeitwerte und die Zeit kann man an x,p-Verteilungen nicht ablesen, die liest man auf einer angeschraubten Uhr ab, die mit dem System absolut nicht wechselwirken darf. -- Roland Franzius |
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#4
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| roland franzius schrieb: Das ist kein schl"ussiges Argument im Rahmen der Quantenmechanik. Warum sollte denn eine Zeitobservable eine formal konjugierte Variable haben m"ussen? Observablen wie der Drehimpuls haben ja auch keine... Arnold Neumaier |
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#5
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| Arnold Neumaier schrieb: Cut und Paste - Fehler... sollte nat"urlich heissen: Jetzt braucht man zur Orts- und Zeitmessung ein 4-Vektorfeld u(x) mit <u(x)> = u_0 + V (x - x_0), mit einer regul"aren 4x4-Matrix V, und die intrinsische Unsch"arfe nimmt die Form Sigma_T := sigma(V^{-1}u(x)) an, wobei sigma(a(x)) = sqrt(<(a(x)-abar(x))^*(a(x)-abar(x))>), abar(x)=<a(x)>. ist. |
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#6
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| Arnold Neumaier wrote: Die Darstellung der Drehgruppe, der Translationsgruppe und der Zeittranslation haben jeweils eine eigene Spektraldarstellungstheorie. Der erste Satz deiner Antwort kann entfallen, der zweite wirkt hilflos, der dritte uninformiert. -- Roland Franzius |
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#7
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| Alexander Streltsov wrote: Der Grund ist der folgende. Wäre die Zeit t eine Observable, müßte sie durch einen selbstadjungierten Operator beschrieben werden. Da der Hamiltonoperator per definitionem Zeittranslationen erzeugt (Noether!), muß demnach gelten [t,H]=i genau analog zu x und p, denn p ist erzeuger räumlicher Translationen (Noether!): [x_j,p_k]=i \delta_{jk} Genau wie bei der entsprechenden Behandlung des Impulses, würde daraus dann zwingend folgen, daß das Spektrum von H ganz R (reelle Zahlen) ist. Damit wäre also H nicht nach unten beschränkt, und es gäbe keinen stabilen Grundzustand, ein Desaster also. Die Zeit bleibt also, was sie schon in der klassischen Physik war, nämlich ein Parameter, der die Kausalfolge von Ereignissen durchnumeriert :-). -- Hendrik van Hees Texas A&M University Phone: +1 979/845-1411 Cyclotron Institute, MS-3366 Fax: +1 979/845-1899 College Station, TX 77843-3366 [Only registered users see links. ] mailto:[Only registered users see links. ].edu |
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#8
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| roland franzius schrieb: Die Darstellungstheorie der Translationsgruppe ist von der der Heisenberggruppe verschieden. Nur in der letzteren gibt es formal konjugierte Variablen. Warum die Zeit in der Quantenmechanik durch eine Heisenberggruppe statt nur durch eine Translationsgruppe beschrieben werden m"usste, ist unerfindlich. Arnold Neumaier |
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#9
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| Hendrik van Hees schrieb: demnach? Das hat keine Herleitung. Diese Relationen folgen keineswegs aus dem Noether Theorem, sondern m"ussen unabh"angig davon postuliert oder hergeleitet werden. Im Quantenfall ist das recht nichttrivial, und analog postulierte Relationen in komplizierteren Situationen k"onnen schlichtweg falsch sein - wie man z.B. in der Diskussion von Kommutatorrelationen in der Quantenfeldtheorie bei Bjorken und Drell nachlesen kann. Das ist also eine wurmstichige Erkl"arung ohne hinreichenden Grund. Dieser Teil ist korrekt. Sobald man [t,H]=i voraussetzt, hat H ein nach unten unbeschr"anktes Spektrum, was physikalisch sinnlos ist. Ja, nur nicht aus dem obigen Grund. Die Kommutatorregeln werden in der Quantenmechanik durch Ersetzen der klassischen Poissonklammern durch skalierte Kommutatoren ermittelt. Man sieht aber leicht, dass die Zeit auch in der klassischen nichtrelativistischen Mechanik keiner {t,H}=1 entsprechenden Relation gen"ugt. Daher gibt es keine Ursache, quantenmechanisch von [t,H]=i auszugehen. Nahegelegt wird [t,H]=i allerdings von oberfl"achlichen Anleihen bei der Relativit"atstheorie, in der Raum und Zeit analog behandelt werden. Aber dort haben weder Raum noch Zeit Observablencharakter, und auch die Relation [x_j,p_k]=i \delta_{jk} verliert dort ihre Bedeutung. Denn in einer irreduziblen Darstellung der Poincaregruppe (die ein relativistisches Teilchen beschreibt) haben nur der 4-Impuls und der 4-Drehimpuls Observablencharakter. Daraus lassen sich zwar (beobachterabh"angig) 3D Ortsvariable mit den richtigen Kommutatorregeln rekonstruieren (Newton-Wigner Positionsoperator), aber kein Zeitoperator. Arnold Neumaier |
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#10
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| Arnold Neumaier wrote: Die Schrödingergleichung legt Schnitte durch das Produkt-U(1)-Bündel zB über zB L^2(R^3,d^3x) und L^2(R,dt)und versucht die formal selbstadjungierten Operatoren id/dt und t auf L^2(R) über der beiderseits unendlichen Zeitachse mit Operatoren in L^2(R^3,d^3x) des Hilbertraums im Ortsraum zu identifizieren. Das dynamische Entwicklungsgesetz id_t psi = H psi identifiziert den Generator der Zeitentwicklung auf den Schnitten der Lösungen mit einer Funktion H(p,q), es findet sich aus den genannten Gründen aber nichts dergleichen für t. Der Grund ist im Wesentlichen, das zwar e^(i a p) f(x)= f(x+a) die unveränderte Verschiebung aller Zustände und Operatoren im Ortsraum bewirkt, während e^(-iHt)psi die dynamische Veränderung beschreibt. Die formale Zeittranslation ohne Veränderung erfolgt durch Verstellen der Uhr, dafür ist H nicht zuständig. Vielleicht fällt dir das leichter zu verstehen, wenn du formal den Hilbertraum über R^4 der (t,x) mit einem endlichen t-Intervall als Randwertproblem auf den beiden begrenzenden Zeitscheiben betrachtest. Das ist der Zugang der relativistischen QFT, in der man die Darstellungs-Hilberträume eher als Funktionenräume der Anfangs- und Enddaten betrachtet und die schrägen Hilberträume und Darstellungen dazwischen mittels Stokesscher Sätze koordinatenfrei für Operatordichten formulieren kann. Da besteht das Problem darin, dass das Zeitintervall endlich ist, id/dt nicht wesentlich selbstadjungiert ist und man keineswegs die Freiheit besitzt, für Wellengleichungen die Start- und Enddaten unabhängig zu wählen. Das ist ja kein eigentliches Quuantenproblem, sondern ein Problem aller hyperbolischen Differentialgleichungen, in denen der Zeitentwicklungsoperator durch einen lokalen Laplace- Dirac- oder Maxwell-artigen Differentialoperator im Funktionenraum über den Ortsvariablen dargestellt wird. -- Roland Franzius |
| Tags |
| der , quantentheorie , zeit |
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