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Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation

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Old 03-13-2006, 07:25 PM
Guido Stepken
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Default Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation



"Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen
Hermeneutik der Quantengravitation"

Die Vorgeschichte dieses Buchs ist erwähnenswert. 1996 hat Sokal, der
Physiker an der New York University ist, einen Artikel bei der
Zeitschrift Social Text, die als einflussreiche "linke" Publikation im
Bereich der Soziologie und im relativ neuen Themenfeld der
"Kulturwissenschaften" gilt, zur Veröffentlichung eingereicht. Sokal gab
seinem Artikel den Titel Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer
transformativen Hermeneutik der Quantengravitation.

Sokal brachte auf nur wenigen Seiten so viel an unsinnigem Kauderwelsch
und Pseudowissenschaft zusammen, wie man sich überhaupt nur vorstellen
kann. Ohne die Geduld der Leser überstrapazieren zu wollen, hier ein
kurzer Ausschnitt: "...das ( Euklids und das G Newtons, die früher als
konstant und universal galten, werden heute in ihrer unabwendbaren
Historizität gesehen; der vermeintliche Beobachter wird endgültig
dezentriert, abgeschnitten von jeder epistemischen Verbindung zu einem
Raum-Zeit-Punkt, der nicht mehr alleine durch Geometrie zu definieren
ist." Die Herausgeber von Social Text, darunter der prominente
Linksintellektuelle Stanley Aaronowitz, ein Mitbegründer der Zeitschrift
und Professor an der City University von New York, fassten den Artikel
als seriösen Beitrag auf und veröffentlichten ihn.

Erst nach der Veröffentlichung - und vor allem nachdem Sokal zugegeben
hatte, dass es sich um einen (gelungenen) Scherz handelte -, begann die
Redaktion Abstand zu nehmen. Sokal hatte seinen Finger an eine wunde
Stelle gelegt. Mit ihrem Buch Eleganter Unsinn bohren Sokal und Bricmont
noch weiter in dieser Wunde.

Das Buch befasst sich mit einigen der bekanntesten Figuren der
französischen Postmoderne - unter anderen mit Jacques Lacan, Jean-Pierre
Lyotard, Julia Kristeva, Jean Baudrillard, Gilles Deleuze und Felix
Guattari. Mit einer Reihe von Beispielen aus den Werken dieser Vordenker
wird die sorglose Art dokumentiert, mit der sie ihre Argumente
entwickeln und darlegen.

Luce Irigaray und Julia Kristeva

Luce Irigaray ist eine prominente französische Feministin mit
postmodernen Prätensionen im Bereich der Philosophie und der
Wissenschaft. Ihr Werk ist in einigen akademischen Kreisen Europas und
Amerikas hoch angesehen. In einem ihrer Essays, "Le sujet de la science
est-il sexué?" ("Ist das Thema Wissenschaft geschlechtsspezifisch?")
(1987) wendet sie sich einem Aspekt zu, der in allen bisherigen
Abhandlungen über Einsteins berühmte Relativitätstheorie gänzlich
übersehen wurde. Sie stellt die Frage: "Ist e=mc² eine
geschlechtsspezifische Gleichung?", und fährt dann fort: "Vielleicht.
Stellen wir die Hypothese auf, dass sie es insofern ist, als sie die
Lichtgeschwindigkeit gegenüber anderen Geschwindigkeiten, die für uns
elementar notwendig sind, vorzieht. Was in meinen Augen den
möglicherweise geschlechtsspezifischen Charakter der Gleichung
anzuzeigen scheint, ist nicht unmittelbar ihre Verwendung in Kernwaffen,
sondern vielmehr die Bevorzugung dessen, was am schnellsten ist..." (S. 130)

In einem anderen Text über ähnliche Themen lässt sie ihrem Spleen freien
Lauf: "Aber was bedeutet diese allgemeine Relativität für uns, die in
den Atomkraftwerken über uns bestimmt und unsere Körperträgheit, eine
lebenswichtige Bedingung, in Frage stellt?" (S. 128)

Im Grunde genommen ist Irigarays Argumentation nicht einmal so
verschlungen wie die vieler anderer Postmodernisten. Einstein (der ja
schließlich ein Mann war - na, also!) entwickelte seine
Relativitätsgleichung, die zu einem Fundament der modernen Wissenschaft
wurde. Aus dieser Gleichung folgt, dass sich physische Gegenstände nicht
schneller als die Lichtgeschwindigkeit bewegen können, d.h. dass die
Lichtgeschwindigkeit die höchste begreifbare Geschwindigkeit ist. Laut
einer Annahme von Irigaray ist die Geschwindigkeit jedoch eine vorrangig
männliche Eigenschaft. Folglich ist die gesamte Gleichung fragwürdig
(und außerdem eine Bedrohung unserer Körperträgheit - es lebe die
Trägheit!).

Die Tatsache, dass männliche Körper bei dem Versuch,
Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, mit genau denselben Problemen wie
weibliche Körper konfrontiert wären, wird zugunsten von Irigarays
Argumentationskette (die mehr mit Alice im Wunderland als mit
ernsthafter Beweisführung gemein hat) einfach beiseite gewischt. Das
niederschmetternd nüchterne Fazit von Sokal und Bricmont: "Was Irigaray
behauptet, verrät eine leider nur oberflächliche Kenntnis der von ihr
angesprochenen Themen und trägt daher nichts zur Diskussion bei."

Irigaray hat sich offensichtlich auf ein Terrain gewagt, von dem sie
herzlich wenig versteht, und ist dabei auf die Nase gefallen. Holen wir
also tief Luft und wenden wir uns den sonstigen Attraktionen zu.

Ein weitere Vordenkerin der postmodernen Philosophie ist Julia Kristeva,
die den Versuch unternommen hat, eine Verbindung zwischen literarischer
Tätigkeit und der Mathematik herzustellen. Insbesondere hat sie
versucht, die Poesie mit der Mengenlehre, einem besonderen Bereich der
Mathematik, in Einklang zu bringen. Folgender Absatz aus ihrem Werk
Séméiotiké: Recherches pour une sémanalyse("Semeiotike: Recherchen für
eine Semioanalyse") (1969) ist typisch für ihren Denkansatz:

"Die poetische Sprache (die wir fortan mit den Initialen ps bezeichnen
wollen) enthält den Code der linearen Logik. Darüber hinaus können wir
in ihr all die kombinatorischen Figuren finden, die die Algebra in einem
System künstlicher Zeichen formalisiert hat und die auf der
Manifestationsebene der gewöhnlichen Sprache nicht externalisiert
werden..." (S. 61)

Sokal und Bricmont stellen die zahlreichen Entstellungen und
Verfälschungen mathematischer Konzepte heraus, die Kristeva im Verlauf
ihres Artikels vornimmt. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass
Kristeva in ihren Texten nicht ein einziges Mal eine ernsthafte
Begründung vorbringt, um ihre Hauptthese einer Beziehung zwischen der
Poesie und einem Teilbereich der Mathematik zu rechtfertigen.

Auch hier könnte man wieder tief Luft holen und annehmen, es handele
sich bei ihr um eine weitere überbewertete Theoretikerin, die
versehentlich zu Prominenz gelangt ist. Doch die Auflistung der
Travestien geht weiter.

Sokal und Bricmont widmen ein Kapitel nach dem anderen den
renommiertesten Vertretern der zeitgenössischen Philosophie in
Frankreich, von denen viele sich als in politischen Dingen
linksorientiert bezeichnen würden. Die so versammelten Intellektuellen
wenden auf verfälschende Weise erwiesene und anerkannte Konzepte der
Naturwissenschaften an, um kontroverse Theorien in den Bereichen
Soziologie, Literaturkritik, Linguistik, Kulturwissenschaften und
anderen Wissensgebieten zu stützen.

Was ist Postmodernismus?

Sokal und Bricmont haben genügend Material zusammengetragen, um
einleuchtend zu belegen, dass der Postmodernismus mindestens so viel
Unsinn hervorgebracht hat wie die alte theologische Debatte darüber, wie
viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Aber besteht er nur aus
Unsinn und sonst nichts? Was ist überhaupt der Postmodernismus? Wo
liegen seine Wurzeln?

Sokal und Bricmont machen in dieser Hinsicht eine Reihe von
interessanten Bemerkungen. Zunächst stellen sie zurecht fest, dass die
allgemeine Tendenz der postmodernen Denkrichtung in der Ablehnung einer
begreifbaren objektiven Realität und in der Einführung von Relativismus
in jeden Bereich des Denkens und der Wissenschaft liegt.

Außerdem stellen die Autoren fest, dass breite Schichten der
"akademischen Linken" für postmoderne Theorien besonders empfänglich
sind. Als Antwort auf eine Reihe von "linken" Kritiken der
ursprünglichen Ausgabe von Eleganter Unsinn erläutert Sokal, warum er
dieses Buch geschrieben hat: "Aber was hat mich dazu bewogen? Ich
gestehe, dass ich ein unbeeindruckter Altlinker bin, der nie richtig
verstanden hat, wie die Dekonstruktion der Arbeiterklasse helfen soll.
Und ich bin ein spießiger alter Wissenschaftler, der naiv glaubt, dass
eine äußere Welt existiert, dass es objektive Wahrheiten über sie gibt
und dass meine Aufgabe darin besteht, ein paar davon zu entdecken." (S. 320)

Sokal und Bricmont identifizieren französische Intellektuelle als
treibende Kraft der postmodernen Denkschule, weisen jedoch auch darauf
hin, dass sich intellektuelle Kreise in Großbritannien und Amerika
dieser Bewegung angeschlossen haben: "Die laxe Haltung in puncto
wissenschaftlicher Klarheit, der man bei Lacan, Kristeva, Baudrillard
und Deleuze begegnet, hatte in den 70er Jahren in Frankreich
unbestreitbaren Erfolg und ist dort immer noch erstaunlich erfolgreich.
Diese Art des Denkens verbreitete sich in den 80er und 90er Jahren über
Frankreich hinaus vor allem in der englischsprachigen Welt." (S. 256)

An einer Stelle des Buchs räumen Sokal und Bricmont ein, dass es einen
"(allerdings oftmals überbewerteten) soziologischen Bezug" des
Postmodernismus gibt. Doch dann fahren sie fort: "Insbesondere haben die
hier analysierten Ideen - wenn überhaupt - nur eine sehr geringe
Beziehung zur Politik." Als Folge dieser Hypothese haben die Autoren nur
wenig Interessantes über die Wurzeln des Postmodernismus zu berichten.

Im Gegensatz dazu sind die Leitfiguren der Postmoderne nicht so
zurückhaltend bei der Darstellung der sozialen, historischen und
politischen Wurzeln ihrer eigenen Denkweise. Jean-Francois Lyotard wird
von vielen als der Großvater oder "Papst" der Postmoderne betrachtet. In
seinem Buch Das postmoderne Wissen unterscheidet Lyotard folgendermaßen
zwischen modern und postmodern:

"Ich werde den Begriff ‘modern' verwenden, um jede Wissenschaft zu
bezeichnen, die sich durch den Bezug auf eine Metaerzählung dieser Art
rechtfertigt, wobei sie sich explizit auf irgend eine grandiose
Erzählung wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik der Bedeutung,
die Emanzipation des rationalen oder arbeitenden Subjekts oder die
Schaffung von Reichtum beruft.

Um es äußerst vereinfacht auszudrücken, definiere ich das Postmoderne
als Skepsis gegenüber den Metaerzählungen. Diese Skepsis ist
zweifelsohne ein Produkt des wissenschaftlichen Fortschritts, wobei
jedoch dieser Fortschritt eine solche Skepsis voraussetzt. Der
Obsoleszenz des metaerzählerischen Rechtfertigungsapparats entspricht
vor allem die Krise der metaphysischen Philosophie und der universitären
Funktion, die sich teilweise auf ihr stützte. Die erzählerische Funktion
verliert ihre Funktionsträger, ihren großen Helden, ihre großen Reisen,
ihr großes Ziel." (Jean-Francois Lyotard, Das postmoderne Wissen. Ein
Bericht, Wien 1993 - frz. Original: La Condition postmoderne: Rapport
sur le savoir, Paris 1979)

Als "Metaerzählung" versteht Lyotard alle philosophischen und sozialen
Konzeptionen, die von der Möglichkeit ausgehen, dass man zu einem
allgemeinen Verständnis der Welt und der Gesellschaft gelangen kann -
einem wissenschaftlichen Verständnis, das dann die Grundlage für eine
bewusste Veränderung der Welt liefern könnte. Lyotard lehnt jede
Konzeption dieser Art strikt ab.

Er ist bei weitem nicht der einzige unter den Postmodernisten, der den
deutschen Philosophen Hegel ("die Dialektik des Geistes") als den in
dieser Hinsicht größten Übeltäter betrachtet. Die Feindseligkeit der
Postmodernisten gegenüber Hegel (mehr dazu weiter unten) richtet sich
insbesondere gegen dessen allumfassende Weltsicht, die auf der
dialektischen Methode beruhte. Für die Postmodernisten ebenso suspekt
ist die materialistische Umarbeitung von Hegels Dialektik durch Marx und
Engels, welche in der Gestalt der sozialistischen Arbeiterbewegung zu
einer gesellschaftlichen Kraft wurde.

Postmodernismus und Stalinismus

Indem sie den Stalinismus und seine Verbrechen mit dem wirklichen
Sozialismus gleichsetzen, stellen Lyotard und die anderen
Postmodernisten die These auf, dass das zwanzigste Jahrhundert das
endgültige Scheitern der marxistischen "Metaerzählung" (der
"Emanzipation des rationalen oder arbeitenden Subjekts") markiert.
Darüber hinaus bekunden sie ihre Unzufriedenheit mit jeder allgemeinen
Theorie, wonach die Entwicklung des Kapitalismus auf einer rationalen
Basis möglich sei ("die Schaffung von Reichtum").

Obwohl Sokal und Bricmont die Rolle der Politik bei der Entwicklung des
Postmodernismus schmälern, genügt ein Blick auf die Biographie Lyotards,
um festzustellen, wie eng die Entstehung seiner Theorien mit seinen
eigenen Erfahrungen mit linker Politik im Nachkriegs-Frankreich
verknüpft ist.

Der 1924 in Versailles geborene Lyotard studierte Philosophie und
Literatur an der Sorbonne in Paris. Als junger Mann war er in der
Gewerkschaftspolitik aktiv und wurde insbesondere durch seine direkten
Erfahrungen mit dem französischen Kolonialismus als Lehrer in Algerien
radikalisiert. Lyotard lehnte die stalinisierte Kommunistische Partei
Frankreichs, die bei der Unterdrückung der algerischen nationalen
Bewegung kollaborierte, ab und schloss sich einer von Cornelius
Castoriadis geführten Gruppe namens Socialisme ou Barbarie("Sozialismus
oder Barbarei") an. Diese Gruppe bezeichnete sich zwar als
trotzkistisch, lehnte jedoch Trotzkis Analyse der Sowjetunion ab, die
sie als staatskapitalistisches Wirtschaftssystem definierte.

Nachdem sich Castoriadis in den 50er Jahren rapide nach rechts bewegte,
brach Lyotard mit der Socialisme ou Barbarie -Gruppe und gründete 1964
seine eigene Organisation um die Zeitschrift Pouvoir
Ouvrier("Arbeitermacht"). Zwei Jahre später brach er vollständig mit der
revolutionären Politik. Im Jahr 1988 beschrieb er in einem Interview
diesen Prozess rückblickend mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Eine Phase
meines Lebens ging zuende. Ich trat aus dem Dienst an der Revolution aus
und würde etwas anderes unternehmen. Ich hatte meine Haut gerettet."

Viele der postmodernen Theoretiker haben eine ähnliche politische
Entwicklung hinter sich. So veröffentlichte Julia Kristeva ihre ersten
Essays in Les Temps Modernes, der von Jean-Paul Sarte gegründeten
Zeitschrift. Sartre selbst sympathisierte mit den französischen
Stalinisten und zeigte gegen Ende seiner Karriere eine gewisse Neigung
in Richtung Maoismus. Auch etliche andere Postmodernisten standen unter
dem Einfluss von Sartre oder seinem prominentesten Nachfolger an der
École Normale Supérieure, Louis Althusser (der über viele Jahre das für
ideologische Fragen zuständige Mitglied des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei Frankreichs war).

Selbst bei einer flüchtigen Untersuchung der politischen Wurzeln vieler
der Leitfiguren der Postmoderne stößt man auf die Tatsache, dass sie zu
irgendeinem Zeitpunkt Mitglied stalinistischer bzw. radikaler linker
Organisationen waren oder zumindest enge Beziehungen zu solchen
Organisationen hatten. Eine detaillierte Abhandlung über die
soziologische Entwicklung breiter Schichten der Intellektuellen im
Nachkriegs-Frankreich würde den Rahmen einer Buchrezension sprengen,
aber auch bei oberflächlichster Betrachtung ist die enorme Rolle, welche
die Kommunistische Partei Frankreichs als führende Organisation im
linken Spektrum des damaligen Frankreichs dabei spielte, unübersehbar.

Das stalinistische Dogma war ein wichtiger Bestandteil des
intellektuellen Lebens in Frankreich. Die weitere Degeneration des
Stalinismus und seine Entwicklung nach rechts in der Nachkriegszeit, die
Verbrechen der Partei im Zusammenhang mit Algerien und Vietnam, der
Verrat an der radikalisierten Studenten- und Arbeiterbewegung im Jahr
1968 und schließlich der Zusammenbruch des Sowjetblocks waren
ausschlaggebend bei der Verbreitung von Desillusionierung und
Desorientierung, und trieben einen Teil der Intelligenz nach rechts.

In seinem Buch The New Constellation unternimmt der amerikanische Autor
Richard J. Bernstein den Versuch, gegen einige der Exzesse der
Postmodernisten anzukämpfen und insbesondere Hegel und die Dialektik zu
verteidigen. Allerdings offenbart er dabei am eigenen Beispiel, unter
welchem Druck Teile der Intelligenz (nicht nur in Frankreich) nach den
Erfahrungen von Faschismus und Stalinismus im zwanzigsten Jahrhundert
stehen:

"Es ist für jeden, der das zwanzigste Jahrhundert mit seinem
schrecklichen Ausmaß an Gewalt, Barbarei und Völkermord erlebt hat,
praktisch unvermeidbar, dass er der Vorstellung eines narrativen
Geschichtsverständnisses als progressive Verwirklichung der Freiheit mit
Unglauben begegnet. Nach Auschwitz und dem Gulag kann man nicht umhin,
die Vorstellung, man könne durch spekulatives Verständnis eine
Versöhnung mit der Realität herbeiführen, mit Misstrauen und Skepsis zu
betrachten. Die ganze Metaphysik des ‘zuhause seins in der Welt'
erscheint jetzt hohl." ( The New Constellation, S. 306)

Auch der tschechische Präsident Vaclav Havel drückt auf seine Art den
Zusammenhang zwischen der Krise der modernen Ideologie und dem
Zusammenbruch des Stalinismus mit folgenden Wort aus: "Der Fall des
Kommunismus lässt sich als Zeichen dafür werten, dass das moderne Denken
- das davon ausgeht, dass die Welt erfahrbar ist und dass das derart
gewonnene Wissen absolut verallgemeinert werden kann - in eine
Existenkrise geraten ist" (zitiert in Eleganter Unsinn, S. 240).

Die politische Ausrichtung der Postmodernisten

Es stimmt zwar, dass ein Teil der Postmodernisten in Nihilismus und
Pessimismus hinabgestürzt ist und nun Loblieder auf die "Trägheit"
anstimmt. Heutzutage müssen sich französische Intellektuelle dafür
entschuldigen, dass sie keine Anhänger der reaktionären deutschen
Philosophie des 19. Jahrhunderts sind. Zwei Intellektuelle, Luc Ferry
und Alain Renaut, sind sogar so weit gegangen, ein Buch mit dem Titel
Warum wir keine Nietzscheaner sind zu schreiben. Dennoch wäre es falsch,
die Tatsache zu ignorieren, dass die Postmodernisten trotz ihrer Skepsis
gegenüber der Möglichkeit, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen
durchzusetzen, durchaus so etwas wie ein politisches "Programm" haben.

Laut den Postmodernisten sind alle "Metaerzählungen", d.h. alle
umfassenden Versuche, die Welt fortschrittlich zu verändern, völlig
gescheitert. Nach dieser Auffassung hat sich die Arbeiterklasse als
Instrument des gesellschaftlichen Wandels diskreditiert und der
Zusammenbruch des Stalinismus bietet den Beweis dafür, dass es unmöglich
ist, die Gesellschaft grundsätzlich zum Besseren zu ändern.

Die verbleibende Alternative ist von einem anderen Doyen der
postmodernen Bewegung, Michel Foucault, vielleicht am besten formuliert
worden: "Es gibt keine Ortsbestimmung der großen Auflehnung, keine Seele
der Revolte, Quelle aller Aufstände oder reines Gesetz des
Revolutionären. Stattdessen gibt es eine Pluralität von Widerständen,
von denen jeder ein besonderer Fall ist."

Zusammen mit Deleuze, Guattari und Lyotard betonte Foucault, dass es
notwendig sei, "Mikropolitik" und "Mikrokämpfe" zu entwickeln. Es liegt
auf der Hand, dass eine solche Strategie eine große Anziehungskraft für
die Anhänger einer auf Einzelziele ausgerichteten Politik hat - also für
Separatisten und Nationalisten jeder Couleur, Umweltschützer,
Feministinnen usw.

Die Schwachpunkte im Ansatz von Sokal und Bricmont

Trotz der Schärfe ihrer Kritik an den Postmodernisten teilen Sokal und
Bricmont eine grundsätzliche Position ihrer Gegner: die Feindseligkeit
gegenüber der Dialektik. Die prominentesten Vordenker der Postmoderne
machen dabei aus ihrem Hass auf die Dialektik keinen Hehl: "Was ich mehr
als alles andere verabscheute, war der Hegelianismus und die Dialektik."
(aus: "Ich habe nichts mehr zu gestehen", Semiotext, Giles Deleuze, 1977)

Abscheu vor der Dialektik (und vor dem Leben!) kommt auch in folgendem
Zitat von Felix Guattari, das zwar kaum verständlich, aber keineswegs
untypisch ist, zum Ausdruck: "Existenz als ein Prozess der
Entterritorialisierung ist ein spezifisch inter-maschinischer Vorgang,
der sich selbst über die Förderung singularisierter existentieller
Intensitäten legt. Und, ich wiederhole, es gibt keine verallgemeinerte
Syntax für diese Entterritorialisierungen. Existenz ist nicht
dialektisch, nicht darstellbar. Sie ist kaum lebbar!" ( Eleganter
Unsinn, S. 191)

Auch Sokal und Bricmont sind Gegner der Dialektik. Das führt dazu, dass
ihre Beschreibung der wissenschaftlichen Methodik - gelinde gesagt -
ziemlich schwach ist. In ihrem Bemühen, eine Kontinuität zwischen
alltäglichen Konzeptionen und denen der wissenschaftlichen Theorie zu
betonen, argumentieren sie, dass sich die wissenschaftliche Methode
"nicht grundlegend von der rationalen Haltung im Alltag" unterscheidet
(S. 74), obwohl sie diese Bemerkung kurz danach mit der Aussage, "Es
wäre jedoch naiv, diesen Zusammenhang überzustrapazieren," einschränken.
(S. 75, Fußnote 8)

In Wirklichkeit bezeugt jedoch die Geschichte der wissenschaftlichen
Entwicklung die Tatsache, dass wissenschaftliche Methodik und Entdeckung
nicht bloß die logische Extension des gesunden Menschenverstands sind.
Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts führten Fortschritte in der
wissenschaftlichen Erkenntnis des Atoms zu einer äußerst heftigen
ideologischen Kontroverse. Das "Verschwinden" des festen, traditionellen
Grundpartikels zugunsten eines aus elektrischen Kräftefeldern
bestehenden Atoms führte dazu, dass einige Wissenschaftler und
Philosophen (Mach, Bogdanov) sowohl die Existenz von Materie als auch
die Fähigkeit des Menschen, zu einem objektiven Wissen über die Welt zu
gelangen, in Frage stellten.

1908 trat Lenin mit seinem Buch Materialismus und Empiriokritizismus in
diese Debatte ein. Darin kämpfte er gegen den philosophischen
Relativismus an und verteidigte sowohl das objektive Wesen der
materiellen Welt als auch die Fähigkeit der Menschen - als Grundlage der
Wissenschaft - die Welt korrekt wahrzunehmen. Gleichzeitig betonte er,
dass der Konflikt zwischen Vorstellungen des Atoms auf der Grundlage des
gesunden Menschenverstands und den aus der neuesten wissenschaftlichen
Forschung hervortretenden Erkenntnissen nur auf der Basis eines
dialektischen Verständnisses der Materie und des menschlichen Denkens
gelöst werden könne.

Der philosophische Relativismus war auch Gegenstand von Kontroversen
zwischen ideologischen und kulturellen Strömungen im neuen Sowjetstaat.
Als Replik auf philosophische Schriften einiger Vertreter der
futuristischen Bewegung schrieb Aleksander Woronski, Chefredakteur der
einflussreichen Literaturzeitschrift Krasnaja Now("Rotes Neuland"), 1923
über die Schriften von Chuzhak und anderen:

"Dies alles hat mit der Dialektik von Marx, Plekhanow und Lenin nichts
gemein. Über diese und ähnliche Schriften weht der Wind des absoluten
Relativismus, und mit ihm die Leugnung jeder Stabilität. Wir Kommunisten
sind zwar auch Relativisten, unser Relativismus ist jedoch nicht
absolut, sondern relativ... Genosse Chuzhak argumentiert nicht wie
Heraklit, demzufolge alles fließt, sondern wie Zeno, der behauptete, es
sei unmöglich, zweimal in den selben Strom zu treten, da ‘alles fließt,
alles sich verändert'. Heraklit war Dialektiker, während Zeno ein
metaphysischer Relativist war. Im Lager der bürgerlichen Gelehrten gibt
es jetzt sehr viele solche Relativisten." (Aleksander Woronski, Die
Kunst als Erkenntnis des Lebens,aus dem Englischen. Die deutsche Fassung
wird 2001 unter dem Titel Die Kunst, die Welt zu sehen im Arbeiterpresse
Verlag erscheinen.)

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs lieferte Leo Trotzki in der
Auseinandersetzung mit einer kleinbürgerlichen Oppositionsströmung
innerhalb der Vierten Internationale einen eigenen machtvollen Beitrag
zur Erläuterung der materialistischen Dialektik. Der führende
Theoretiker der damaligen Opposition, James Burnham, vertrat ähnliche
Vorstellungen wie später der junge Lyotard und argumentierte, dass in
der Sowjetunion eine Form des Kapitalismus wieder eingeführt worden sei.

Nachdem er die philosophische Methode der Opposition einer genauen
Analyse unterzogen hatte, schloss Trotzki seine präzise Erläuterung der
Dialektik mit folgender Warnung ab: "Die dialektische Logik drückt die
Gesetze der Bewegung im gegenwärtigen wissenschaftlichen Denken aus. Im
Gegensatz dazu reflektiert der Kampf gegen die materialistische
Dialektik eine ferne Vergangenheit, den Konservatismus des
Kleinbürgertums, den Eigendünkel der Universitäts-Routiniers und ...
einen Funken Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod." (Leo Trotzki, Zur
Verteidigung des Marxismus).

Die Verbrechen der stalinistischen Bürokratie - ihre physische
Vernichtung der sozialistischen politischen und intellektuellen
Opposition in den 30er Jahren zusammen mit ihrer Hinwendung zum
Nationalismus und ihrer völliger Pervertierung der marxistischen
Dialektik - waren von ausschlaggebender Bedeutung bei der Sabotierung
der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Förderung von neuen
Strömungen des Irrationalismus und Relativismus.

Die Heeresscharen der Relativisten sind mit der Ausbreitung der
gegenwärtigen Geistesströmung des Postmodernismus stark angeschwollen.
Und dennoch hat es etwas Lächerliches und Verlogenes an sich, wenn die
Vertreter dieser Bewegung von sich behaupten, sie repräsentierten das
Allerneueste auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

Denn ihre ideologischen Vorbilder sind vor allem die Gegner der
Aufklärung aus dem 19. Jahrhundert: Nietzsche, Schopenhauer und
Kierkegaard. Statt etwas Neues auf dem Gebiet der Ideen und Konzeptionen
anzubieten, führen die diversen, von Verachtung für echte
wissenschaftliche Methode, Kulturpessimismus, Individualismus,
Obskurantismus und der Ablehnung der historischen Wahrheit durchtränkten
Thesen und Texte der Postmodernisten in eine ideologische Sackgasse -
als entstellter Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung, der seit
langem die Dynamik ausgegangen ist.

"Eleganter Unsinn" ist bereits in verschiedenen Sprachen und Fassungen
erschienen, zuerst auf Französisch unter dem Titel Impostures
Intellectuelles(1997), dann in den USA als Fashionable Nonsense(1998).
Die vorliegende, 1999 erschienene deutsche Fassung ist eine Übersetzung
sowohl der englischsprachigen Fassung als auch einiger Texte, die nur in
der französischen Originalausgabe beinhaltet waren. Das Buch ist jedem
zu empfehlen, der sich für moderne ideologische Trends interessiert,
insbesondere für die verschiedenen, recht nebulösen Geistesströmungen,
die man unter dem Sammelbegriff "Postmoderne" zusammengefasst hat.

Die Autoren Alan Sokal und Jean Bricmont ziehen gutgerüstet in den Kampf
gegen die zahlreichen Absurditäten, die in den Werken einiger der
prominentesten französischen Postmodernisten zu finden sind. Auch wenn
der Autor dieser Zeilen einigen Kommentaren oder Schlussfolgerungen von
Sokal und Bricmont nicht zustimmt, so sind die beiden Autoren auf jeden
Fall für ihre Bemühungen, aus dem monströs aufgeblähten Ballon der
"postmodernen" Gedankenwirrungen die Luft herauszulassen, zu
beglückwünschen. In der Einführung des Buches fassen sie ihr Ziel so
zusammen: "Uns geht es hier darum, zu einer kritischen Haltung
anzuregen, und zwar nicht nur gegenüber bestimmten Personen, sondern
gegenüber einem Teil der Intelligenzia (sowohl in den Vereinigten
Staaten als auch in Europa), der diese Form des Diskurses zugelassen, ja
sogar gefördert hat." (S. 23)

Auch wenn es etliche Schwachpunkte in ihrer Argumentation gibt, sind
Sokal und Bricmont aus den Konventionen des akademischen Milieus
ausgeschert und haben die Absurdität in vielen Bereichen des
postmodernen Denkens aufgezeigt. Ihr Buch verdient eine breite Leserschaft.

Ein Buch von Hirnwichsern für Hirnwichser!

Mit freundlichen Grüßen, Guido Stepken
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auf , überschreiten , dem , der , die , einer , grenzen , hermeneutik , quantengravitation , transformativen , weg


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