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#1
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| Moin, angestoßen durch die Diskussion um die Hoden, habe ich mich mal hingesetzt, und mit stumpfer Computersimulation ausgerechnet, wie groß eigentlich die Chance ist, dass sich eine Mutation in einer Population durchsetzt. [Ich hatte ja behauptet, dass sich eine Mutation nur in einer kleinen Population durchsetzen kann...] Mein Simulationsmodell ist natürlich sehr vereinfacht. - Es gibt eine feste Populationsgröße. Für jede Geburt stirbt einer. - Alle Individuen erreichen das gleiche Alter, es gibt einen festen Generationenzyklus - Keine geschlechtliche Fortpflanzung. - Die Mutation wird garantiert vererbt und wirkt sich garantiert aus (dominant, keine schlafenden Gene). - Träger der Mutation haben eine größere Fortpflanzungschance - Das Spiel startet mit einer Population gegebener Größe in der genau ein Individuum die Mutation hat. - jedes Individuum kann potentiell in einer Generation beliebig viele Kinder bekommen. Meine sehr flüchtige Tipperei habe ich unter [Only registered users see links. ] abgelegt. Da sind Ergebnisdaten, Skriptdateien für Gnuplot (*.skript) um die Zahlen in Diagramme umzusetzen und natürlich der Source in c und wer Linux nutzt auch das ausführbare Programm (was allerdings nichtssagend ist, wenn man nicht im Source rumschaut und ihn modifiziert. Vorweg mal das erste Ergebnis: [Only registered users see links. ] zeigt die Chance in Prozent, mit der eine Mutation nach unbestimmter langer Zeit die Hälfte der Population erfasst hat über der Größe der Population. Die verschiedenen Kurven zeigen den Verlauf für verschiedene Mutationen die sich in ihrer Leistungssteigerung unterscheiden. Die Kurve die mit '1.0' beschriftet ist gibt den Fall an, dass die Mutation für die Fortpflanzungswarscheinlichkeit vollkommen wirkungslos ist (1.0 heißt genauso gut wie die ohne Mutation). Die anderen Kurven mit größeren Zahlen geben an, um wie viel größer die Fortpflanzungswarscheinlichkeit der Mutanten gegenüber den normalen ist. Dass die Kurven so knickerig aussehen, liegt an der endlichen Anzahl an Versuchen, die pro Messwert simuliert wurden, setzt man die Zahl hoch wird's glatter (und kostet mehr Rechenzeit, siehe Variable NumTries im Source). Was man erkennt, ist erstmal, dass alle Kurven bei kleinen Populationen zwischen 50% und 80% liegen. Ist eigentlich auch klar, da bei z.B. einer Population aus 2 Individuen es rein 50:50 steht, wer das Rennen macht. Es sei denn der Mutant ist deutlich überlegen. Für größere Populationen nimmt die Warscheinlichkeit der Durchsetzung ab, je kleiner der Vorteil durch die Mutation ist, desto stärker. Entgegen meiner Erwartung ist es aber so, dass sich die Kurve ab einer gewissen Populationsgröße auf eine endliche Warscheinlichkeit einpendelt. Eine Mutation die im Schnitt 1.02 mal so viel Nachwuchs ergibt, wie der Normalfall hat z.B. ab einer Populationsgröße von 100 eine Chance sich durchzusetzen von ~3%..4%. An dieser Chance ändert sich aber auch in größeren Populationen nichts mehr. Interessant. Als nächstes Ergebnis kommt sowas heraus: [Only registered users see links. ] Hier ist die Dauer in Generationen gezeigt, die es braucht bis die Mutation in 50% der Individuen drin ist. Klar ist, dass das bei großen Populationen länger dauert. Klar ist auch, dass sich Mutationen die einen größeren Vorteil ergeben schneller durchsetzen. Soweit also nichts großartig unerwartetes. Und nun die Verrechnung beider Diagramme: [Only registered users see links. ] Ich habe mir gedacht, dass sowohl die Chance, dass sich eine Mutation durchsetzt als auch die Zeit die sie zum Durchsetzen braucht, in die Evolutionsgeschwindigkeit eingehen. Diese Geschwindigkeit sollte proportional zur Chance geteilt durch Dauer sein. Ich zumindest hätte erwartet, dass diese Evolutionsgeschwindigkeit für sehr große Populationen gegen Null geht. Tut sie aber bei diesem Modell wohl nicht sondern geht gegen einen festen endlichen Wert. Dennoch sieht man einen drastischen Abfall der Evolutionsgeschwindigkeit mit zunehmender Populationsgröße besonders im Bereich kleiner Populationen. Besonders groß ist der Unterschied bei Mutationen, die nur einen kleinen Vorteil bringen. Da die reale Evolution sicher in vielen sehr kleinen Schritten verlaufen ist/verläuft, ist anzunehmen, dass sich dennoch meine Behauptung mit dieser Simulation stützen lässt: Je größer die Population, desto kleiner die Evolutionsgeschwindigkeit. So. Weil das jetzt schon so lang war, will ich mal eine Kommentierung des Programms erst auf Anfrage nachliefern, ich den Source selbst einigermaßen kommentiert. Bei Interesse kann ich dazu Infos nachliefern. Besonders lang ist das Programm aber nicht. Wie sind die Meinungen zu dieser Spielerei? Hat das Modell eine Ähnlichkeit zur Realität? Hat das nicht schon mal jemand analytisch durchgerechnet? Hat diese Simulation signifikante Schwächen, die es vollkommen von der Realität abweichen lassen? CU Rollo |
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#2
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| Tach, Roland Damm <[Only registered users see links. ]> tippste am 16 Jul 2006 : Naja, vielleicht kann man das Problem noch weiter aufdröseln. IMHO wäre hier zwischen zwei Phänomenen unterscheiden: a) die Tatsache, daß die relative Häufigkeit einer neuen Mutation in einer großen Population naturgemäß kleiner ist als in einer kleineren Population und die Erreichung einer bestimmten relativen Häufigkeit ent- sprechend länger dauert, was zum Teil die von dir beobachteten Effekte erklären dürfte. b) die Vermutung, daß weitere Effekte in einer großen Population die Ausbreitung einer neuen Mutation aktiv behindern. So könnte man z.B. vermuten, daß während der längeren Zeit mit einer niedrigeren relativen Häufigkeit eventuell verstärkt "Reperaturmechanismen" wie z.B. Genkonversion greifen könnten, die die Häufigkeit des neuen Allels vermindern. Eine weitere Möglichkeit wäre durch zufällige Veränderungen der Umwelt gegeben, die bei kleinen Populationen natürlich sehr viel stärker zum Tragen kommen würden und kurz- fristig die relative Fitness der beiden Allelvarianten stärker verändern könnten. Nebenbei wäre zu fragen, wann die alte Version ganz verschwindet, das Merkmal also fixiert wird. IIRC hatte auch RA Fisher mal die These aufgestellt, daß Evolution in kleineren Population schneller abläuft, und nebenbei wurde sie auch im Zusammenhang mit dem "punctuated equilibrium" verwendet, um den Mangel an Übergangsformen zu erklären. Im letzteren Fall wurde dabei aber auch erklärt, daß Evolution sich oft in Randpopulationen abspielen würde, was wohl auch hier relevant ist, da zwischen diesen und kleineren Populationen allgemein einige andere Ähnlichkeiten bestehen: Wahrscheinlich dürfte eine kleine Population eher nicht im Optimum ihrer biotischen und abiotischen Faktoren beheimatet sein, da sie sonst wohl dank exponentiellem Wachstum schnell keine kleine Population mehr wäre, und entsprechend dürfte auf ihr auch unter normalen Bedingungen ein gehöriger Selektionsdruck lasten, naja, nennen wir es einmal die "destructive testing"- Theorie[1]. Ein weiterer Punkt wäre die Tatsache, daß eine kleine Population möglicherweise auf eine noch kleinere Gründerpopulation zurückgeht, was neben der schon angesprochenen Gendrift vielleicht auch zu einer ordentlichen Inzucht führen dürfte, infolge der vorher nur sehr selten ausgeprägte rezessive Merkmale sehr viel häufiger homozygot auftreten dürften, was dann einerseits mit zum verstärkten Auftreten neuer, potentiell positiver Merkmale führen würde, andererseits aber auch durch das vermehrte Zusammen- treffen von Lethalfaktoren den Druck auf die Population erhöhen dürfte. Nur mal so wild ins Blaue hinein assoziiert, ich bin kein Evolutions- biologe, und außerdem brauch ich gleich erst einmal einen Kaffee... ciao, Andreas [1] Leser von "Breakfast of Champions" wissen, was ich meine... -- [ICQ: 327-890469] Turn on, log in, fight spam. |
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#3
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| Hallo Roland, da hast Du Dir ja ganz schön Mühe gegeben:-) Natürlich haben sich Evolutionsbiologen und Populationsgenetiker diese Fragen auch schon gestellt. Daher gibt es dazu eine ganze Menge Theorie (Stichwort Diffusionstheorie für genetische Drift und Selektion; vieles geht auf Kimura zurück). Ich füge das, was ich weiss, mal unten ein. Sieht so weit ganz gut aus. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine einzelne (dominante) Mutation fixiert wird (d.h. sich in der Population durchsetzt) ist ungefähr gleich P=(1-exp(-2s))/(1-exp(-4Ns)) Dabei ist N die Populationsgröße und s der Selektionskoeffizient (1 minus der Zahl in Deiner Graphik; eine neutrale Mutation hat also s=0). Für großes N konvergiert der obige Ausdruck gegen 1-exp(-2s), und für schwache Selektion (d.h. kleines s) ist er ungefähr gleich 2s. D.h. die Fixationswahrscheinlichkeit einer schwach vorteilhaften Mutation ist approximativ unabhängig von N und doppelt so groß, wie der Vorteil, den die Mutation bietet. Die obige Formel gilt für diploide Organismen (mit einem doppelten Chromosomensatz). [Deiner Graphik nach hast Du wohl eher haploide Organismen angenommen, da kann irgendwo noch ein Faktor 2 dazukommen, weiss ich jetzt nicht auswendig.] Allgemein ist die Fixationswahrscheinlichkeit einer neutralen Mutation gleich ihrer Anfangshäufigkeit, dass sieht man auch an Deiner 1.0 Kurve. Siehe oben: 2s = 0.04 = 4%. Für die Zeit bis zur Fixation gibt es auch eine Formel. Sie ist ungefähr gleich 2ln(2Ns)/s, nimmt also schwach (logarithmisch) mit der Populationsgröße zu. Und hier liegst Du IMHO falsch. Wenn man annimmt, dass Mutationen nur selten auftreten, ist die Fixationsgeschwindigkeit unerheblich. Die meiste Zeit wartet man nur darauf, dass eine Mutation auftritt, die nicht sofort wieder ausstirbt. Allgemein ist die Evolutionsrate gleich der Rate, mit der Mutationen auftreten, mal der Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Mutation fixiert wird, also (im diploiden Fall) R = 2N m P, wobei m die Mutationsrate an dem fraglichen Genort pro Generation ist. Der Faktor 2N ist einfach die Anzahl der Chromosomen, an denen eine Mutation stattfinden kann. Nachdem P für große N unabhängig von N ist, nimmt R also mit der Populationsgröße zu (nicht ab). [Falls 2N m > 1 ist, gilt meine Annahme, dass man die meiste Zeit nur auf neue Mutationen wartet, nicht mehr. Wie sich das auf das obige Argument auswirkt, kann ich im Moment nicht sagen.] Viele Grüße, Michael. |
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#4
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| Hallo, Fisher weiss ich jetzt nicht, aber die Idee spielt in Sewall Wright's "shifting balance theory" eine große Rolle. Die Idee ist, dass eine Population, um zu einem Zustand höherer Fitness zu gelangen, oft erst durch ein "Fitness-Tal" hindurch muss. Die Durchquerung eines solchen Tals durch genetische Drift (also durch Zufall) ist in kleinen Populationen leichter möglich. Inwieweit ein solcher Prozess biologisch bedeutsam ist, ist umstritten. Michael. |
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#5
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| Moin, Michael Kopp schrub: Das deckt sich doch verblüffend mit meinem Ergebnis. Die Mutation mit einem Vorteil von 5% hat eine ungefähre Durchsetzungswarscheinlichkeit von 10% (nach meiner Grafik). Grob zumindest. Ich bin begeistert:-). Hmm, wäre interessant, wenn es egal wäre. Yo, ist ja auch nicht all zu verblüffend. Wenn ich auch nicht in der Lage bin (so aus dem Stand), das analytisch zu errechnen. Sinngemäß wie meine Rechnung, nur komme ich bei meiner Simulation auf halb so große Werte. Aber ich hatte ja auch die Grenze gesetzt, wenn die Mutation 50% der Bevölkerung erfasst hat. Ich bin wieder verblüfft:-). An sowas hatte ich auch gedacht. Aber - leider hatte ich das vergessen zu erwähnen - war mein Gedanke bei meiner Rechnung der: Ich betrachte so richtig große Veränderungen. Phantasiebeispiel: Wie schnell wird aus dem Hase ein Hirsch? Wenn der Hase die Mutation bekommt, die seinem Geweih mehr Enden gibt, dann wird diese Mutation für ihn bestenfalls keinen Nachteil bringen - ihm fehlt ja noch das Gen für ein Geweih an sich überhaupt. Diese Mutation ist also überhaupt erst dann von Vorteil, wenn sich vorher eine andere Mutation durchgesetzt hatte. Ich betrachte also Abläufe in denen mehrere aufeinanderfolgende Mutationen auftreten die in anderer Reihenfolge keinen Vorteil bringen würden. Mir ist natürlich klar, dass das so einfach nicht gilt. Mutationen können parallel laufen, krumme Wege gehen oder einfach passieren, sich durchsetzen, obwohl sie garkeinen Vorteil haben. In diesem Punkt sehe ich auch den größten Schwachpunkt meiner Argumentation. Aber wie gesagt, wenn man es ganz simpel betrachtet und von eine extremen Veränderung der Art redet, dann muss man einfach berücksichtigen, dass gewisse Schritte nur in einer gewissen Reihenfolge Sinn machen. Und in dem Fall ist die Gesamtdauer des Vorgangs gleich der Dauer der Einzelschritte mal deren Warscheinlichkeit, dass sie überhaupt passieren (=die Mutation sich durchsetzt). Dein Einwand, dass in einer größeren Population auch mehr Mutationen passieren, ist natürlich bei mir nicht berücksichtigt worden. Mutationshäufigkeit proportional zur Populationsgröße hieße, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit verglichen mit meinem Modell noch mal um den Faktor der Populationsgröße gesteigert werden muß. Ich rechne mal: [Only registered users see links. ] Huch, interessant. Falls es nur Mutationen gibt, die einen extrem geringen Vorteil bringen, dann würde immer noch resultieren, dass sich kleine Populationen schneller entwickeln. Aber ab einer gewissen Populationsgröße wird das hinfällig. Wie groß sind Populationen in der Realität eigentlich? Danke für die Einschätzung. CU Rollo |
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| evolutionsgeschwindigkeit , simulation |
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